TEXT: CELINE BASTL / FOTO: CELINE BASTL
Aufmerksamkeit ist Geld.
Die Ausgangslage lässt sich knapp zusammenfassen: Digitale Medien gewinnen auch bei der Informationssuche zunehmend an Bedeutung. Laut dem aktuellen Digital News Report 2025, beziehen bereits 68 % der Österreicher*innen ihre Nachrichten über Online-Angebote wie Social Media, Websites, Podcasts oder AI Chatbots. Mit 35% informiert sich mehr als ein Drittel hauptsächlich über soziale Netzwerke und liegt damit gleichauf mit den Nutzer*innen gedruckter Medien.
Anders als bei traditionellen Informationsangeboten zählt im digitalen Raum vor allem eines: schnell Aufmerksamkeit erzeugen. Grund dafür ist, dass die Bandbreite an Content im Internet unüberschaubar groß ist und jede Form der Interaktion – etwa Klicks und Verweildauer - Geld bedeutet. Um diese finanziellen Interessen zu erfüllen, setzen Medienunternehmen verstärkt auf kompakte Informationen mit direkter Adressierung und emotionalen Inhalten.
In Von sozialen Netzwerken, algorithmischer Radikalisierung, Echokammern und Rabbit Holes beschreiben Lukas Daniel Klausner und sein Team, dass der ehemals chronologische Feed auf sozialen Medien durch eine algorithmisch angepasste Timeline ersetzt wurde. Somit werden Feeds von Nutzer*innen zum Beispiel auch durch Werbung ergänzt. Besonders Beiträge, die viel Aufmerksamkeit generieren, sollen hier gepusht werden. Das habe eindeutige Vorteile für die Plattformen: Werbung lasse sich nahtlos einbinden, die Verweildauer nehme zu und Interaktionsraten stiegen. All das seien starke Argumente im Verkauf gegenüber Werbekund*innen. Wie genau solche Algorithmen aussehen, hängt allerdings von der jeweiligen Plattform ab.
Wir driften auseinander.
Der ökonomische Zusammenhang ist klar. Nun stellt sich allerdings die Frage, welche Auswirkungen die eben genannten Prämissen auf unsere gesellschaftliche Kommunikation haben. Aus demokratietheoretischer Perspektive übernehmen Medien eine wichtige Orientierungsfunktion: Sie geben Überblick über Diskurse, die in diversen Bereichen der Gesellschaft geführt werden. Klassische Medien ermöglichen uns einen Blick über den Tellerrand hinaus. Ist das auch in digitalen bzw. sozialen Medien möglich? Laut Christoph Bendas sei Social Media wie ein Messer zu betrachten: Man könne damit Brot schneiden, aber auch jemanden verletzen. Er betont, dass Emotionalisierung so gut funktioniere, da sie menschliche Kognition und Verhalten auf tiefer Ebene anspreche und stärker beeinflussen könne als „rationale“ Argumente. Auch Uta Rußmann beobachtet, dass die Kommunikation im Netz immer emotionaler, negativer und dramatischer werde.
Die Auswirkungen dieser drastischen Emotionalisierung von Online-Beiträgen erleben wir täglich. Eine davon ist Polarisierung. Polarisierung beschreibt das starke Auseinanderdriften von Meinungen und Positionen innerhalb einer Gesellschaft. Extreme Positionen gewinnen an Beliebtheit, während die Mitte immer schwächer wird. Das erzeugt ein Gefühl der Spaltung und verleitet dazu, Andersdenkende auszugrenzen. All das erschwert vernünftige Diskurse zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Fraktionen. Laut Rußmann zählen auch Parteien und Politiker*innen zu den treibenden Kräften, die Polarisierung gezielt für den Stimmenfang nutzen.
Aktuelle Methoden der Desinformation
Desinformation stellt eine erhebliche Herausforderung für die Demokratie in Europa dar. Dies gilt umso mehr, da einer Studie der Bertelsmann Stiftung 2025 zufolge künstliche Intelligenz eine immer schnellere und gezieltere Produktion von Inhalten ermöglicht. Zunächst ist es jedoch wichtig zwischen Desinformation und Misinformation zu unterscheiden: Von Desinformation spricht man laut Klausner bei beabsichtigter Falschinformation, Misinformation hingegen bezeichnet unbeabsichtigte Irrtümer.
Ein Fall von absichtlicher Verbreitung von falschen Informationen sei beispielsweise eine von Russland gesteuerte Desinformationskampagne, bei welcher TikTok-Videos erstellt wurden, um den Rechtspopulisten Călin Georgescu bei seiner Wahl in Rumänien zu unterstützen. Georgescu gewann die Wahl, wurde aber nachträglich disqualifiziert. Die Wirkung der Kampagne scheint dennoch fortzubestehen.
Laut Klausner haben die aktuellen Trends der digitalen Desinformation hauptsächlich mit Machine Learning, zum Beispiel Phishing Attacken durch LLMs und Voice Models zu tun. Der Enkeltrick - eine bekannte Betrugsmasche, bei der sich Betrüger*innen gegenüber älteren Menschen als Enkelkind oder andere Verwandte ausgeben - wird somit auf eine neue Stufe gehoben, denn die Täter*innen trainieren nun künstliche Intelligenz, um Stimmen von Kindern oder Enkelkinder zu imitieren.
Beschäftigt man sich mit moderner Manipulation, stößt man auf Begriffe wie Social Bots, Rage Bait und Filterblasen. Bilder von Bot-Farmen wirken dabei wie Screenshots aus dystopischen Filmen: Dutzende Handys kleben an einer Wand, werden geladen und simulieren automatisch das Verhalten von echten Menschen auf sozialen Medien, nur eben mit klarem Ziel der Desinformation. Warum dutzende Handys und nicht einfach ein Programm? Klausner erklärt, dass Unterschiede zwischen echten oder emulierten Mobiltelefonen nach wie vor erkannt werden können.
Solche Bots können laut Bendas Meinungsblasen verstärken, indem sie gezielt Inhalte in bestimmten Gruppen pushen. Rage Bait wiederum ist ein manipulatives Instrument, das konstruktiven Dialog unterdrückt und Feindseligkeit fördert. Bereits länger bekannt und diskutiert ist das Phänomen der Filterblasen: Filterblasen sind digitale Räume, in denen Algorithmen vor allem Inhalte zeigen, die zur eigenen Meinung passen. Diese tragen dazu bei, dass Nutzer*innen hauptsächlich in Echokammern mit Gleichgesinnten interagieren und somit kein Diskurs zwischen verschiedenen Interessensgruppen stattfindet.
Klausner verweist dazu aber auf aktuellere Befunde, denen zufolge die selbstverstärkenden Effekte der Filterblasen so nicht haltbar seien. Die größere Gefahr liege vielmehr darin, zu häufig mit diametral entgegengesetzten Ansichten konfrontiert zu werden und sich infolgedessen noch stärker abzugrenzen.
Kompetenz.
Vernünftiger Diskurs ist ein essenzieller Bestandteil einer funktionierenden Demokratie. Doch was lässt sich tun, wenn verschiedene Akteure diesem entgegenwirken? Christoph Bendas ist überzeugt, dass alles mit Bewusstseinsbildung zusammenhänge. Je früher diese stattfinde, desto besser. Zum Beispiel müsse an Schulen neben Medienkompetenz viel mehr Fokus auf Diskussionskultur und Wissen über die Medienlandschaft gelegt werden. Er betont, wie wichtig es sei miteinander zu reden. „Durch‘s Reden kommen die Leute zam, ganz österreichisch gesprochen“, so Bendas.
Analog dazu meint Uta Rußmann, dass eine kritische Auseinandersetzung mit den auf Social Media verbreiteten Inhalten wichtig sei. Bereits in der Schule müsse vermittelt werden, Informationen über unterschiedliche Kanäle einzuholen – auch über „traditionelle (Qualitäts-)Medien“. Klausner verweist darauf, dass digitale Kompetenzen sehr ungleich verteilt seien. Es sei beispielsweise umstritten, ob jüngere Personen mehr oder weniger anfälliger für Desinformation seien. Eine seiner Forschungen kam zu dem Ergebnis, dass insbesondere Jugendliche ein gutes Gespür für KI-generierte Inhalte haben. Entscheidend seien jedenfalls umfassende Medienbildung, Awareness-Kampagnen sowie der kompetente Umgang mit technischen Tools.
Zudem erklärt Klausner, dass der ideale Umgang mit Falschinformationen darin bestehe, problematische Posts nicht direkt zu kommentieren oder zu teilen, sondern lediglich auf Screenshots zu reagieren. Diese Methode bringe allerdings auch ihre Schwierigkeiten mit sich, da der eigentliche Content somit nicht mehr für andere Personen klar als Desinformation erkennbar sei.
Regulierung.
Kommunikationswissenschafterin Rußmann gibt zu bedenken, dass die „Macht“ der Informationsverbreitung - also die Entscheidung darüber, welche Themen und Beiträge Reichweite erhalten - eindeutig bei den Plattformen liege. Hier bestehe klarer Regulierungsbedarf, „Überspitzt gesagt sind Plattformen von Werbung getrieben und nicht von Regulierungen“, so Uta Rußmann. Sie nennt hierbei den Digital Services Act, der bereits einen guten Ansatz für Regulierung darstelle. Die Strafen für die Plattformen seien laut ihr allerdings zu gering, um sie davon abzuhalten, gegen Regulierungen zu verstoßen. Klausner weist darauf hin, dass Regulierung auch auf Widerstand stößt. Besonders die USA übe massiv Druck auf Europa aus, mit der Forderung die Regulierung durch zum Beispiel dem Digital Services Act oder dem AI Act zurückzufahren. Die Argumentation der US-Politik: Diese Regelungen kämen einer Form von Zensur gleich.
Reden wir miteinander!
Ein zentrales Prinzip demokratischer Gesellschaften besteht darin, dass Bürger*innen ihre Meinungen selbstbestimmt bilden und frei äußern können. Dieses Grundrecht wird jedoch durch die manipulative Einflussnahme profitorientierter Akteure zunehmend gefährdet. Eine aktuelle Analyse der Max-Planck-Gesellschaft weist darauf hin, dass Desinformation langfristig das Vertrauen in demokratische Institutionen erodieren lässt (Max-Planck-Institut, 2025).
Diese Entwicklung zeigt sich insbesondere darin, dass zwischen emotionalisierenden Inhalten, algorithmischer Verstärkung und digitalen Manipulationsstrategien kaum noch Raum für sachliche, informierte Debatten bleibt. Umso entscheidender ist es, den öffentlichen Dialog bewusst konstruktiv zu gestalten - und damit die demokratische Kultur aktiv zu stärken.
Celine Bastl


