Free cookie consent management tool by TermsFeed #JesusGlow: Wenn der Glaube zum Trend wird – MedienManagen | USTP University of Applied Sciences St. Pölten
Medien & Kultur

#JesusGlow: Wenn der Glaube zum Trend wird

Das Christentum erlebt im Netz eine neue Bühne: Trends wie der „Jesus Glow“ und neue Formen digitaler Autorität lassen Grenzen zwischen Inspiration, Vermarktung und Vereinfachung verschwimmen. SUMO erläutert diese Differenzen im Gespräch mit der evangelischen Theologin und Journalistin Renata Schmidtkunz sowie mit dem Franziskaner, Bruder und Content Creator René Dorer.

TEXT: JESSICA KENDLBACHER / FOTO: PEXELS

Emotionen in der Medienkommunikation

Kaum ein anderes Thema verbindet historische Quellen und Traditionen mit so tiefen Emotionen wie Religion. Eine Gemengelage, für die die digitalen Medien sowohl neue Möglichkeiten bieten als auch Potenzial für Verzerrungen des Glaubens eröffnen. Denn Emotionen werden in den sozialen Medien bevorzugt aufgegriffen und in Szene gesetzt. Für manche ist das Ziel, Menschen und potenzielle Gläubige durch spirituelle Inspiration zu erreichen, für andere ist es reine Emotionalisierung, um Reichweite zu generieren. In Österreich zählen im Jahr 2024 rund 4.557.500 Menschen zur römisch-katholischen Kirche und etwa 249.600 zur evangelischen Kirche. Das sind Zahlen, die eine weiterhin große, zugleich aber schrumpfende traditionelle Glaubenslandschaft markieren. Doch auf Social Media erscheint der christliche Glaube immer häufiger in Form von plakativen Trends wie dem „Jesus Glow“, „#ChristianCoupleGoals“ oder „Bible Aesthetics“. Gestützt durch diese Entwicklungen wird Religion in Lifestyle-Botschaften übersetzt, die Zugehörigkeit, Orientierung und Selbstinszenierung versprechen.

Religiöse Autorität in digitalen Räumen

Ein zentrales Thema im Christentum ist die Autorität, die sich in den kirchlichen Ämtern, institutionellen Lehren oder auch in sakralen Texten wiederfindet. Diese Autorität findet in der neuen digitalen Welt keine Übersetzung. Vielmehr entsteht eine neue Form von Gemeinsamkeit, die im Dialog mit der Online-Community ausgehandelt wird. Die amerikanische Autorin Heidi Campbell nennt das Phänomen „Negotiation of Authority“.  An der Spitze der Hierarchie stehen nicht automatisch offizielle Kirchenvertreter oder andere Personen mit akademischem Hintergrund. In der digitalen Sphäre sind es diejenigen, die sich ihre Position und Sichtbarkeit durch Authentizität, digitale Präsenz und das geschickte Manövrieren des Algorithmus erkämpfen. Autorität entsteht nicht mehr aus Positionen, die von machtvollen Instanzen bestimmt werden, sondern aus der Beziehung zwischen Sender und Publikum.

 „Ich stelle schon seit vielen Jahren so einen religiösen Analphabetismus fest. Das heißt, dass die Leute nicht einmal die Religion kennen, aus der sie kommen“, konstatiert die evangelische Theologin und Journalistin Renata Schmidtkunz. Den Menschen fehle oft das grundlegende Wissen über Religion. Dieser Analphabetismus sei auch der Grund, warum sich Nutzer*innen stärker an emotionaler Glaubwürdigkeit orientieren als an theologischer Expertise. 

Religion im emotionalisierten Medienkapitalismus

Die emotionalisierte Aufbereitung religiöser Inhalte und Botschaften in sozialen Medien zeigt, wie sehr der Glaube heute in kapitalistischen Verwertungslogiken eingebettet ist. Emotionen wie Glück, Sinn und Erfüllung werden zur verkaufbaren Ressource, die sich sowohl im positiven als auch im problematischen Sinne im Glauben ausleben kann.

Durch mediale Inszenierungen von Spiritualität entstehen häufig stark vereinfachte Darstellungen vom Glauben, etwa in den Trends wie dem „Jesus Glow“. Das ist nur eines der sichtbaren Phänomene, die junge Christ*innen nutzen, um ihren spirituellen Zustand zu ästhetisieren.

„Du strahlst von innen heraus, sobald du Jesus in dein Leben lässt“ - so oder so ähnlich klingen die Versprechen, die bei solchem Content in der Luft schweben. Influencerin Daniela-Marlin Jakobi erklärt in einem Beitrag, wie diese Versprechen wiederum Abwehrmechanismen begünstigen. Dazu zählt etwa „Spiritual Bypassing“, das die Tendenz bezeichnet, unangenehmen Realitäten auszuweichen. „Toxische Positivität“ sei ein weiteres Erscheinungsbild, das Probleme mit Phrasen wie „Alles passiert aus einem Grund“ überdeckt – Formulierungen, die dazu dienen können, Verantwortung für das eigene Handeln zu meiden.

Trends wie der „Jesus Glow“ individualisieren zwar die Spiritualität, doch andere Trends, wie die wachsende Beliebtheit der sogenannten „Tradwives“, setzen auf eine ganz andere Art von Ästhetik. Das Leben „gottesfürchtiger Ehefrauen“ wird stark romantisiert, konservative Geschlechterrollen werden verstärkt und christlich geprägte Werte wie Gehorsamkeit, Reinheit und Unterordnung werden verehrt. Spiritualität wird hier vielmehr als „Lifestyle“ betrachtet, der in Pastellfarben und Hashtags wie etwa #godlywife, #submissivewife oder #christiancouplegoals erscheint. 

Durch eine solche Ästhetisierung entstehen auch visuelle Glaubensnormen, die eine neue Form von Druck erzeugen: Wer spirituell sein möchte, muss auch so aussehen. 

„Dort sein, wo die Menschen sind“ 

Doch mediale Inszenierung hat nicht nur Schattenseiten. Social Media kann Religion für Menschen zugänglich machen, die in ihrem physischen Alltag möglicherweise keinen direkten Zugang zum Glauben haben. Besonders für stark marginalisierte Gruppen bieten digitale Räume Alternativen zur klassischen Gemeinschaft. Menschen, die schlechte Erfahrungen mit Kircheninstitutionen gemacht haben, queere Christ*innen oder Personen ohne religiöse Sozialisation haben digital die Möglichkeit, in Räumen, in denen Religion entinstitutionalisiert und individualisiert wird, Anschluss zu finden. Auch Praktiken wie Livestreams und TikTok-Bible-Study bieten digitale Formen der Gemeinschaft.

„Die Kirche ist ja gesendet in die Welt, zu den Menschen, und dann müssen wir auch dort sein, wo die Menschen sind“, meint Bruder René Dorer, Franziskaner aus Schwaz in Tirol, zu seinem Werdegang als „Christfluencer“. Angestoßen von der Idee „Gutes ins Netz zu stellen“ begann er seine Arbeit als Content Creator. Durch aufgenommene Predigten, kurze Videobotschaften oder Livestreams, möchte er Menschen berühren und Orientierung bieten. Er legt Wert darauf, sowohl theologisch als auch ethisch verantwortungsvoll mit seinem Publikum von 2.464 Follower*innen zu kommunizieren. Auch seine Erfahrungen im Alpenverein lässt er auf Plattformen wie Instagram, TikTok und YouTube einfließen, wodurch er ein Bild schafft, das Alltag und Glauben verbindet. Social Media beschreibt er zudem als einen Marktplatz, auf dem sich die Menschen treffen – und auf dem auch die Kirche präsent sein sollte.

Verantwortung und Widerstand

Eine früh ansetzende philosophische Bildung ist unerlässlich, um die ambivalente Doppelnatur religiöser Darstellungen in den Medien reflektiert navigieren zu können, wie Renata Schmidtkunz betont. Es sei wichtig, Kinder bereits in der Volksschule für grundlegende Fragen des Denkens zu sensibilisieren und sie dabei zu unterstützen, reflektiert mit Themen wie Religion in digitalen Räumen umzugehen. In solchen Umgebungen, in denen schnelle Urteile, zugespitzte Botschaften und vereinfachte Narrative dominieren, zählen Klicks oft mehr als Nuancen. 

Das Wichtige ist ja eigentlich nicht das Rufzeichen, das Wichtige ist das Fragezeichen.“ – Renata Schmidtkunz

Nur durch Fragen werden oft echte Gespräche ermöglicht. Wer Komplexität und andere Perspektiven anerkennt, kann dazu beitragen, dass Religion in den sozialen Medien weniger polarisierend und konflikthaft diskutiert wird und stattdessen ein Raum für realen Austausch geschaffen wird. 

Jessica Kendlbacher

Portrait1
Renata Schmidtkunz, Copyright: Lukas Beck
Portrait2
Bruder René Dorer, Copyright: Bruder René Dorer