Free cookie consent management tool by TermsFeed Gefühl statt Fakten? Die Macht der Emotionalisierung in der Berichterstattung über Klimaproteste – MedienManagen | USTP University of Applied Sciences St. Pölten
Medien & Gesellschaft

Gefühl statt Fakten? Die Macht der Emotionalisierung in der Berichterstattung über Klimaproteste

Emotionen entscheiden, ob Klimaproteste Aufmerksamkeit erzeugen oder untergehen. Doch wie wirkt diese mediale Inszenierung wirklich, und wie erleben Aktivist*innen sie selbst? SUMO sprach mit der Sprecherin des Netzwerk Klimajournalismus Österreich Verena Mischitz und der Klimaaktivistin Jutta Matysek, Obfrau von LobauBleibt

 

TEXT: MARLENE KERMER / FOTO: MARLENE KERMER

Lobau bleibt!

„Wir kämpfen so hart und es ist super mühsam. Und das kommt einfach nicht vor medial.“, mit diesen Worten beschreibt Jutta Matysek, Obfrau der Bewegung LobauBleibtdie Stimmung, die viele in der Bewegung teilen. Die Lobau-Proteste stellen derzeit eine der größten Umweltbewegungen in Wien dar. Sie richten sich gegen den geplanten Bau der Lobau-Autobahn, einem Infrastrukturprojekt, welches die S1-Verbindung verlängern und durch das Naturschutzgebiet Lobau führen soll. Protestiert wird schon seit 2006. Seit 2021 hat sich jedoch ein breites Bündnis aus Umweltorganisationen, Bürgerinitiativen und Klimaschutzgruppen zusammengetan und ein Protestcamp gegründet. Dieses wurde im Februar 2022 von der Polizei geräumt. Trotz des anhaltenden Widerstands genehmigte im September 2025 Verkehrsminister Peter Hanke den Bau des Lobau-Tunnels. Die Protestbewegung reagierte mit neuen Demonstrationen und kritisierte das Projekt als klimapolitisch unverantwortlich. Der Konflikt zwischen Infrastrukturpolitik und klimapolitischer Zivilgesellschaft hat sich somit weiter zugespitzt. Anders als bei traditionellen Informationsangeboten zählt im digitalen Raum vor allem eines: schnell Aufmerksamkeit erzeugen. Grund dafür ist, dass die Bandbreite an Content im Internet unüberschaubar groß ist und jede Form der Interaktion – etwa Klicks und Verweildauer - Geld bedeutet. Um diese finanziellen Interessen zu erfüllen, setzen Medienunternehmen verstärkt auf kompakte Informationen mit direkter Adressierung und emotionalen Inhalten. 

Zwischen Schlagzeilen und Realiät

Wie nehmen Aktivist*innen eigentlich die Berichterstattungen über sich wahr? „Es gibt durchaus auch Medien, die etwas positiv berichtet haben, oder zumindest wertfrei. Da müssen wir schon froh sein in Wirklichkeit. Aber es war leider auch sehr viel Hetze beobachtbar. Es wurden Informationen verbreitet, die überhaupt nicht stimmen. Und das Schlimme ist, dass sich manche Medien gar keine Mühe geben, um gescheit zu recherchieren“, so Matysek. Sie erklärt das Problem am Beispiel der Darstellung des Brandanschlags, der im Dezember 2021 auf den Holzturm verübt wurde, den Klimaaktivist*innen der Bewegung LobauBleibt als Witterungsschutz nutzten. Als der Turm in Brand gesetzt wurde, befanden sich acht Jugendlichedarin. Entkommen konnten sie nur, indem sie ein Fenster einschlugen und hinauskletterten. „Der Tenor der medialen Berichterstattung war so, als wären sie selbst schuld daran gewesen, dass ein Brandanschlag auf sie ausgeführt wurde. Das ist einfach ein Wahnsinn, wenn so etwas auf diese Art und Weise berichtet wird. Von den Medien hat man da überhaupt keine Solidarität zu erwarten“, erzählt die Klimaaktivistin.Die Auswirkungen dieser drastischen Emotionalisierung von Online-Beiträgen erleben wir täglich. Eine davon ist Polarisierung. Polarisierung beschreibt das starke Auseinanderdriften von Meinungen und Positionen innerhalb einer Gesellschaft. Extreme Positionen gewinnen an Beliebtheit, während die Mitte immer schwächer wird. Das erzeugt ein Gefühl der Spaltung und verleitet dazu, Andersdenkende auszugrenzen. All das erschwert vernünftige Diskurse zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Fraktionen. Laut Rußmann zählen auch Parteien und Politiker*innen zu den treibenden Kräften, die Polarisierung gezielt für den Stimmenfang nutzen. 

Zuspitzung vs Kontext 

Generell berichten Boulevardmedien im Wissen um ihre Zielgruppe: kompakt, eindeutig, klar verständlich, bildlastig und mit zugespitzten Emotionen sowie Dramatisierung – das sind die Prämissennach denen gearbeitet wird. 

„Da spielen große Emotionen eine viel wichtigere Rolle. Damit meine ich vor allem so große Emotionen wie Angst“, erklärt Klimajournalistin Verena Mischitz.

Qualitätsmedien versuchen ihrem Publikum Kontextualisierung und ausgewogene, unabhängige Informationen zu bieten, Emotionen setzen auch sie zur Einordnung ein. Aktivistin Jutta Matysek erlebt dennoch einen klaren Unterschied: „Die Qualitätsmedien geben sich zumindest noch Mühe zu berichten, was bei den Protesten wirklich passiert. Die Boulevardmedien picken sich irgendein Detail raus.“

Auch Klimajournalistin Verena Mischitz sieht das Ganze kritisch: „Es ist schon so, dass eine Kriminalisierung von Klimaprotesten stattfindet. Diese Kriminalisierung finde ich gefährlich, weil es quasi eine Kritik an legitimen demokratischen Protest ist.“

Unisono weisen die beiden darauf hin, dass Klimaaktivismus in medialen Darstellungen häufig nicht inhaltlich, sondern primär über seine Protestformen wahrgenommen wird. Die mediale Aufmerksamkeit liegt oft mehr auf Störungen, Konflikten und Regelbrüchen, während die wichtigen politischen Forderungen und Motive der Aktivist*innen in den Hintergrund gerückt werden. Das den Aktivist*innen nicht immer eine Stimme in der Berichterstattung gegeben wird, sieht auch Klimajournalistin Mischitz„Was ich immer wichtig finde und was mir manchmal ein bisschen fehlt, ist, dass beide Seiten zu Wort kommen. Ich habe das Gefühl, dass bei Protestberichterstattung sehr stark noch der Fokus auf Gewalt liegt und wie viele Polizeikräfte vor Ort waren. Aber der Grund, warum Menschen protestieren und was ihr Anliegen ist, dass kommt teilweise noch ein wenig zu kurz.“

Mittlerweile hat die Lobau-Bewegung ihre eigene Zeitungnamens LOBAUBLEIBT auf den Markt gebracht. Die erste Ausgabe erschien im Jänner 2022, gedruckt sowie auch online. Verteilt wird die Zeitung in allen Bezirken Wiens bei Verteilaktionen für Postkästen. Was wollen sie damit erreichen? Genau das, was ihnen in der medialen Berichterstattung bis jetzt immer gefehlt hat: „In den Ausgaben soll das gezeigt werden, worüber die Medien nicht berichten wollen.“

Zukunftsaussicht

Wie könnte ein Klimajournalismus aussehen, der angemessen über die Klimaproteste berichtet? Laut Mischitz sollte mehr über konkrete Lösungen gesprochen werden: „Auch wenn wir jetzt nicht alles retten können, mit dem, was schon zerstört ist, müssen wir auf jeden Fall umgehen. Trotzdem gibt es immer Möglichkeiten, wie wir es anders machen können. Diese Frage können wir auch stellen: In welcher Gesellschaft wollen wir denn eigentlich leben?“. Gewünscht wird auch eine ausgewogenere Darstellung und ein weniger starker Fokus auf die Protestform. Eine konstruktivere Klimaberichterstattung könnte daher stärker auf Kontextualisierung setzenwissenschaftliche Hintergründe einbeziehen und verschiedene Perspektiven nachvollziehbar darstellen. Somit würden Journalist*innen es ermöglichen, Proteste nicht nur als mediale Ereignisse, sondern als tatsächlichen Ausdruck demokratischer Teilhabe zu verstehen. Den Beitrag, den sie zum Klimaschutz leisten, betrifft nämlich alle, erklärt Jutta Matysek„Eigentlich ist ja das, wofür wir kämpfen, etwas, das allen zugutekommt: weniger Lärm, weniger Abgase und Schadstoffe in der Luft, mehr Freiraum. Und dass da jetzt gegen uns gehetzt wird, weil wir uns für dafür einsetzen, ist ein Wahnsinn.“

Matysek hofft auch, dass Journalist*innen zu den Protesten kommen, um zu sehen, wie es dort tatsächlich abläuft. 

Am Ende zeigt sich: Die Art und Weise, wie über Klimaproteste berichtet wird, entscheidet unter anderem darüber, wie wir als Gesellschaft mit dem Thema umgehen. Journalismus steht dabei im Zentrum der Handlung. Er kann sich entscheiden, Krisen zu verschärfen oder für Verständnis zu sorgen. Vielleicht entscheidet genau die Nutzung von Emotionen in Berichten darüber, ob wir in Zukunft über Proteste sprechen oder über verpasste Chancen. 

Marlene Kermer

Portrait1
Verena Mischitz, Copyright: Valerie Logar
Portrait2
Jutta Matysek, Copyright: privat