TEXT: MOYO BARDI / FOTO: MOYO BARDI
Die Nachrichtenlage der vergangenen Jahre ist geprägt von einer Atmosphäre ständiger Anspannung: Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, der im Frühjahr 2021 neu aufgeflammt ist, und der Nahostkonflikt zwischen Israel und Palästina dominieren seit Jahren die Schlagzeilen. Vor allem auf sozialen Medien ist die Dichte an negativen Meldungen hoch, weil Algorithmen Inhalte verstärken, die bereits Empörung auslösen. Dass sich Menschen vom Nachrichtenkonsum zurückziehen, ist daher kaum überraschend. Wer sich weiterhin informiert, tut das zunehmend selektiv - das zeigt auch der Digital News Report 2025.Während global rund 40% der Befragten mit Nachrichten bewusst umgehen, ergibt sich in Österreich ein ähnliches Bild. Mehr als zwei Drittel der Österreicher*innen vermeiden Nachrichten zumindest gelegentlich. Die am häufigsten genannten Gründereichen von belasteter Stimmung über die schiere Menge an Meldungen bis hin zu Kriegsmüdigkeit und innenpolitischer Übersättigung. Die Daten legen nahe, dass die emotionale Belastung durch Nachrichten längst ein strukturelles Problem geworden ist. Religiöse Autorität in digitalen Räumen
Die Frage, wie Medien auf diese Entwicklung reagieren, führt SUMO zu zwei Modellen für redaktionelles Arbeiten, die auf den ersten Blick kaum vergleichbar wirken: dem öffentlich-rechtlichen Radio und einer digitalen Good-News-Plattform. Doch beide versuchen, derselben Entwicklung zu entgegenzuwirken - jedoch mit völlig unterschiedlichen Mitteln.
Wenn Heimat Geschichten schreibt
Im Funkhaus des ORF Niederösterreich zeigt sich, warum regionale Berichterstattung trotz Medienkrisen stabil bleibt. Positive Emotionen entstehen hier nicht durch Kuratierung, sondern als Nebenprodukt lokaler Nähe. Die Moderator*innen kennen die Orte, über die gesprochen wird – und die Menschen kennen sie ebenfalls. Was wie ein unscheinbarer Vorteil klingt, wird in einer fragmentierten Medienwelt zu einem zentralen Faktor.
Karl Trahbüchler, Programmchef von Radio Niederösterreich, fasst es schlicht zusammen: „Wir haben sehr viele positive Geschichten bei unserem Sender, und die werden auch nachgefragt vom Publikum.“ Gemeint ist damit kein künstlicher Optimismus, sondern Berichterstattung, die im Alltag der Hörer*innen verankert ist. Ob ein inklusives Café eröffnet, eine Gemeinde die Spendensumme bei Licht ins Dunkel erhöht oder der Nationalfeiertag am Heldenplatz begleitet wird – diese Geschichten erzeugen Nähe.
Diese Form von positiver Emotion wird nicht künstlich produziert, sondern ergibt sich aus Kontext und Relevanz. Radio Niederösterreich, als Teil der ORF Landesstudios, arbeitet nicht mit Wohlfühljournalismus, sondern mit einer Art emotionaler Bodenhaftung. Wer hört, dass ein Projekt in der eigenen Gemeinde funktioniert, erlebt eine Form der Bestätigung, die globale Konflikte nicht leisten können.
„Wir können uns nicht aussuchen, was passiert. Zu einer umfassenden Berichterstattung gehören aber auch die Dinge, die Zuversicht und Positivität vermitteln“, sagt Trahbüchler. Die Redaktion kann positive Geschichten aufgreifen, aber nicht erzwingen. Genau das definiert den Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichem Auftrag und digitaler Logik. Dennoch muss auch hier eine gewissen Balance herrschen: Insgesamt deckt das Radio-Programm alle Facetten ab, da in den Nachrichten über zahlreiche Angelegenheiten berichtet wird. Das beinhaltet auch Negatives. Daher liegt es in der Verantwortung von Radio Niederösterreich als Landesstudio darüber zu berichten.
News that make you smile
Während Radio Niederösterreich Positivität aus der Region bezieht, produziert guterzweck.net sie aktiv. Gründer Clemens Mayer erklärt seinen Zugang: „Good News müssen spannender verpackt werden - negative Schlagzeilen funktionieren von allein.“ Damit beschreibt er die Grundregel digitaler Plattformen: Wer auffallen will, muss Emotionen erzeugen. Die Konkurrenz ist nicht das Lokalradio, sondern der gesamte Social-Media-Feed, welcher mit Inhalten zu Konflikten, Skandalen und Tragödien gefüllt ist.
Bei Clemens Mayer lässt sich der Antrieb schnell erkennen. Er kommt aus dem Digital Marketing und wendet seine Expertise auf etwas an, das in den Medien oft zu kurz kommt: positive, lösungsorientierte Nachrichten. Die Herausforderung besteht darin, dass negative Nachrichten mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Good News sollen nicht beschwichtigen, sondern zeigen, dass Fortschritt sichtbar ist, wenn man genau hinsieht.
Mayer formuliert es schlicht: „News that make you smile.“
Mit “Good News” sind Nachrichten gemeint, die einen positiven Impact haben. Geschichten, bei denen Menschen nach dem Lesen erkennen, dass Entwicklungen nicht ausschließlich negativ verlaufen.
Mayer nutzt seine Marketing- und Social-Media-Expertise, um konstruktive Inhalte algorithmustauglich aufzubereiten. Die Plattform setzt auf Storytelling, starke visuelle Anker und eine klare Fokussierung auf Lösungen. Beispiele wie ein Biber-Damm, der ein Millionenprojekt ersetzt, Empathie-Unterricht an dänischen Schulen oder Rettungsaktionen nach Naturkatastrophen funktionieren, weil sie Menschen ein Gefühl des Mitgefühls und der Selbstwirksamkeit geben.
Friede allein reicht nicht
Positive Emotionen können viel leisten, aber sie sind kein Freibrief. Sie dürfen nicht als Ersatz für Recherche oder kritische Distanz dienen. Beim ORF würde eine Überbetonung positiver Geschichten schnell als Schönfärberei und PR wahrgenommen. Positive Emotionen finden im Programm ihren Platz, ersetzen aber nicht die kritische Berichterstattung. Die Glaubwürdigkeit öffentlich-rechtlicher Medien beruht auf Ausgewogenheit. Themen wie Unfälle, Missstände oder strukturelle Probleme erfordern eine klare, nüchterne Darstellung. Solche Inhalte lassen sich nicht einfach „positiv verpacken“. Hoffnung und gute Nachrichten können vermittelt werden, müssen aber immer auf Fakten basieren.
Bei digitalen Good-News-Formaten entsteht hingegen die Gefahr einer Wohlfühlblase. Wenn Geschichten zu stark zugespitzt oder emotionalisiert werden, um Reichweite zu generieren, kann die journalistische Substanz verloren gehen. Für Mayer ist deshalb entscheidend, Positives ohne Naivität zu erzählen und dabei stets auf saubere Recherche zu achten.
Friede, Freude, Eierkuchen? Weder noch. Journalismus soll Orientierung bieten und Lösungen sichtbar machen.
Moyo Bardi

