TEXT: MAXIMILIAN HÖRLESBERGER / FOTO: MAXIMILIAN HÖRLESBERGER
In unserem digitalen Zeitalter nimmt die Film- und Serienkultur eine zentrale Rolle im Alltag vieler Menschen ein. Nicht umsonst stieg die Zahl der zahlenden Abonnenten von Disney+ laut FlixPatrol im Jahr 2025 allein in Deutschland auf 4,73 Millionen. Laut Statista ist bis November 2025 auch die Anzahl an globalen Abonnenten auf weltweit über 153 Millionen angestiegen. Dabei wird eines ganz klar deutlich: Streaming -und insbesondere der Content von Disney – ist längst kein simples Nebenprodukt der Filmindustrie mehr.
Mit diesem Hintergrundwissen ist es spannend zu untersuchen, wie nun bekannte und bereits etablierte Kultfranchises auf diese Entwicklung reagieren. Oder noch präziser:wie sie es schaffen, eine Geschichte nach langer öffentlicher Pause wieder zurückzuholen. Ein Paradebeispiel hierfür ist die weltbekannte Reihe Star Wars, welche 2015 mit Episode VII – „The Force Awakens“ - das Comeback der Reihe wagte. Unter der neuen Führung von Disney wurde die eigentlich vor langer Zeit abgeschlosseneStoryline wieder aufgegriffen und das mit atemberaubendem Erfolg. Der Film spielte an den Kinokassen laut Box Office Mojo weltweit über 2 Milliarden Dollar ein und reiht sich damit neben Blockbustern wie „Avatar“ oder „Titanic“ ein. Er zeigte eindrucksvoll, welches Potenzial in Nostalgie, starken Marken und der Verbindung von Altem und Neuem liegt.
Warum fasziniert Star Wars heute noch so sehr?
Leroni,die unter ihrem Künstlernamen anonym bleiben möchte, gründete gemeinsam mit ihrem Partner Florian vor zwölf Jahren den Star Wars Fan Club Austria und ist seither offiziell unter Lucas Film in diesem tätig.Im Interview beschreibt Leroni,wie Star Wars damals bereits in ihrer Kindheit eine große Rolle für sie spielte. Als sie den ersten Film im Kino sah, war das ihr erster Kontakt mit einem richtigem Dolby Surroundsound System, was für ein unglaubliches und kindheitsprägendes Kinoerlebnis sorgte. Als sie dann 2014 von der Rückkehr von Star Wars auf die große Kinoleinwand hörte, war sie - wie viele andere Fans aus ihrem Umfeld - sehr begeistert. Auch die Rückkehr altbekannter Charaktere wie Luke Skywalker und Co. wurde sehr begrüßt. „Das Leia zurückkommt, hat mich auch sehr gefreut. Leia war in den alten Filmen eine unglaublich starke Frau und dafür brauchte sie nicht einmal irgendwelcheSuperkräfte“, erzählt uns Leroni, als sie sich zurückerinnert, was die damaligen Charaktere für sie bedeuteten und wie sie sie in Erinnerung hat.
Diese anhaltende Faszination bildet jedoch auchden Nährboden für ein weiteres zentrales Thema: die Rolle der Nostalgie in der heutigen Medienwahrnehmung.
Nostalgie als Allheilmittel oder als inhaltliche Bremse?
Manuel Menke, der sich im Zuge seiner Dissertation mit dem Phänomen Mediennostalgie beschäftigte, erklärt: „Nostalgie ist ein Marketingmittel - und nicht nur irgendeines, sondern eines, das unglaublich gut funktioniert, wenn es darum geht, Menschen emotional an eine Marke oder ein Produkt zu binden.“ Dem Kommunikationswissenschaftler zufolge ist das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit – zu wissen, was einen beim Konsum eines Films in den nächsten anderthalb Stunden erwartet – ein zentraler Erfolgsfaktor. Weiters meint Menke, dass diese Marketingstrategien auch generationenübergreifend funktionieren, also unabhängig davon,ob man seit Kindheitstagen an Bord ist oder später neu zum Franchise zugestiegen ist.
Doch ist die Aktivierung von nostalgischen Gefühlen beim Publikum nun eine kreative Chance oder eher eine inhaltliche Bremse? Menke zeigt sich optimistisch: „Ich würde sagen unsere Medienwelt ist so divers, dass das nicht wirklich in Konkurrenz zueinandersteht. Man kann sich vielleicht fragen, ob mit den Millionen die in bestimmte Reihen gepulvert werden, stattdessen nicht auch 20 tolle Indie-Filme finanziert werden könnten. Die Wahrscheinlichkeit ist jedoch höher, dass dadurch lediglich ein weiteres flaches Hollywood-Spektakel gemacht werden würde.“ Also konterkariert Nostalgie Ansprüche an Qualität und Originalität? Menke winkt angesichts solcher Kategorisierungen ab: „Aus meiner Sicht geht es darum, ob das Werk eine hohe Qualität im Sinne des gewünschten Ziels hat.“
Der Sturz einer Saga?
Doch obwohl die anfänglichen Kinoerfolge auf eine neue Star Wars Ära hindeuteten, erlebte man ein zunehmend gespaltenes Echo unter den Fans der Franchise: Viele fühlten sich enttäuscht von der narrativen Ausrichtung der neuen Trilogie. Erschwerend kam hinzu, dass die Regie mehrfach wechselte und nachträglich bekannt wurde, dass es keinen übergreifenden Storyplan gab. Diese Unzufriedenheit spiegelte sich auch öffentlich wider: Der letzte Film der Trilogie „Star Wars: The Rise of Skywalker“(2019) erhielt bei Rotten Tomatoes (größte Bewertungsplattform für Kritikerstimmen) eine Zustimmungswertung von nur 51% - damit gilt er als der am schlechtesten bewerteteste Teil der neunteiligen Saga. Neben einer Flut an kritischen Social-Media-Beiträgen entstand sogar eine Petition auf Change.org, die forderte, die neuen Filme aus dem offiziellen Kanon zu streichen und lediglich als „expanded universe“ - also als fiktionale Weitererzählung - zu behandeln.
Als wir im Interview dazu mit Leroni sprechen, zeigt sie sich ebenfalls sehr enttäuscht dazu: „Den neuen Produktionen hat leider dieser gewisse Star Wars Style gefehlt, den die alten Filme noch verkörpert haben. Auch wenn die alten Figuren zwar wieder vorkamen, fehlte es an gutem Storytelling und eben genau den Sachen, die Star Wars zu Star Wars eben machten. Statt neue Geschichten zu entwickeln, seien bekannte Handlungselemente und Figuren ohne erzählerische Notwendigkeit reaktiviert worden.Laut Leroni wirkte das für viele Fans mehr wie ein billiger Versuch, den finanziellen Erfolg der früheren Teile auszuschlachten als wirklich eine authentische Weitererzählung der Geschichte. Verantwortlich dafür sei unter anderem die Walt Disney Company, die 2012 die Rechte an Star Wars von George Lucas abkauften. Weiters erklärt Leroni,dass nur wenige der heutigen Star Wars Regisseure das Handwerk der alten Saga wirklich als das verstehen, was es ist. Darunter Dave Filoni, einer der Regisseure von „The Mandalorian“, der laut Leroni für die Produktion der Serie sogar Mitglieder aus Fan Clubs anheuerte, um den Kostümen so detailgetreu nachzukommen, wie nur möglich.
Star Wars: A new beginning?
Im Gespräch mit Menke fragen wir ihn gezielt, wie ein Blick in die Zukunft aussieht: Wie lange könne so ein Konzept vom Ausnutzen der Nostalgie noch funktionieren, um die fleißigen Fans als Cash Cows vor die Leinwände zu locken?
Dazu meint Menke, er merke schon erste Ermüdung, speziell im Bereich der Superhelden-Filme, wo sich die Nachfrage in den letzten Jahren bereits deutlich reduziert. Auch andere Filmreihen scheinen seiner Meinung nach bereits an ihrem Ende anzukommen. Doch genau hier betont er, dass das grundlegende Prinzip der Nostalgie immer funktionieren wird. Es gilt als ein sehr fundamentales und menschliches Gefühl. Nostalgie ist weiters auch sehr flexibel, was es für viele neue Erfindungen ermöglicht durch genug verstrichene Zeit von dieser Emotion aufgegriffen und für neue Generationen attraktiv zu werden.
Oft reiche bereits eine Veränderung im Ton oder in der Erzählweise, um eine Geschichte neu aufzuladen. „Wenn man das Rad neu erfindet, dann macht man etwas ganz anderes. Man braucht jedoch dieses Nostalgie-Rad, um es anschließend auch drehen zu können“, betont Menke abschließend.
Maximilian Hörlesberger

